Wackers Zukunft macht auf sich aufmerksam: Nachwuchs und Tatarinov-Zwillinge begeistern

Einen in dieser Deutlichkeit kaum zu erwartenden Heimerfolg feierten die Ringer des SV Wacker Burghausen am vierten Kampftag der DRB-Bundesliga. Gegen den stark besetzten FC Erzgebirge Aue setzte sich der amtierende Deutsche Mannschaftsmeister vor rund 400 Zuschauern mit 20:1 durch und meldete sich damit nach der Auswärtsniederlage in Freiburg eindrucksvoll zurück. Das klare Endergebnis täuschte allerdings über den tatsächlichen Kampfverlauf hinweg: Zahlreiche Einzelduelle waren hart umkämpft und verlangten den Burghauser Ringern alles ab. Besonders erfreulich waren dabei die Auftritte der jungen Wacker-Athleten sowie der erste gemeinsame Heimkampf der Zwillinge Eduard und Artur Tatarinov.

Für zusätzliche Stimmung rund um die Burghauser Sportanlagen hatte bereits unmittelbar vor dem Mannschaftskampf ein sportlicher Paukenschlag gesorgt. In der benachbarten Wacker-Arena feierten die Fußballer des SV Wacker einen Sensationssieg gegen den TSV 1860 München. Einige Besucher machten sich anschließend noch auf den kurzen Weg in die Sportparkhalle – und bekamen dort den nächsten Burghauser Erfolg zu sehen.

Den perfekten Auftakt aus Sicht der Hausherren lieferte Aliabbas Rzazade in der Klasse bis 61 kg Freistil. Welche internationale Klasse der Aserbaidschaner mitbringt, zeigt seine Erfolgsbilanz: 2021 wurde er U23-Weltmeister, 2022 Vize-Europameister und 2023 schließlich Europameister der Männer. Gegen Tim Krasnickij bestimmte Rzazade von Beginn an das Geschehen und sammelte mit einer Vielzahl an dynamischen Aktionen Punkt um Punkt. Nach 3:26 Minuten war beim Stand von 16:0 die technische Überlegenheit erreicht und die ersten vier Mannschaftspunkte wanderten auf das Burghauser Konto. Eine der aus Burghauser Sicht erfreulichsten Leistungen des Abends folgte im Greco-Schwergewicht. Eigengewächs Alexander Kreimer bekam es mit Connor Sammet zu tun – und damit keineswegs mit einem unbeschriebenen Blatt. Der Auer hatte 2022 bei den U20-Europameisterschaften in der Klasse bis 97 kg die Silbermedaille gewonnen. Kreimer ließ sich davon nicht beeindrucken, wusste seine körperlichen Vorteile geschickt einzusetzen und lieferte seinem Gegner einen engen, taktisch geprägten Kampf. Der Burghauser Nachwuchsathlet behielt die Nerven und brachte seinen 3:1-Vorsprung konzentriert über die Zeit. Im anschließenden Greco-Duell bis 66 kg platzte bei Amangali Bekbolatov eindrucksvoll der Knoten. Nachdem der kasachische Neuzugang in den vergangenen Kämpfen noch nicht sein eigentliches Leistungsvermögen hatte abrufen können, zeigte er gegen Mark Wagner eine völlig andere Vorstellung. Bekbolatov agierte von Beginn an offensiv und sammelte insbesondere im Bodenkampf zahlreiche Wertungen. Kurz vor Schluss machte er mit dem 16:0 seinen technisch überlegenen Sieg perfekt und erhöhte den Zwischenstand auf 9:0. Für einen der spektakulärsten Momente des gesamten Abends sorgte anschließend Eduard Tatarinov. Der etatmäßige Mittelgewichtler rückte in die Freistilklasse bis 98 kg auf und bekam es dort mit Patryk Dublinowski zu tun. Trotz seines Gewichtsnachteils lieferte der Burghauser einen taktisch starken Kampf. Lange Zeit blieb das Duell vollkommen offen, dann sorgte Tatarinov buchstäblich in letzter Sekunde für Begeisterung auf den Rängen: Mit einem spektakulären Vier-Punkte-Wurf riss er den Kampf noch an sich und siegte mit 5:1. Damit sicherte er seinem Team zwei weitere Mannschaftspunkte und legte zugleich für einen ganz besonderen Abend der Tatarinov-Zwillinge vor.

Im letzten Kampf vor der Pause traf Magomed Kartojev in der Klasse bis 71 kg Freistil auf Pavel Graur. Gegen den Moldawier entwickelte sich ein taktisch geprägter Vergleich, in dem Kartojev geduldig blieb und in den entscheidenden Momenten die richtigen Akzente setzte. Vor allem in der Schlussphase bewies der Wackerianer Nervenstärke: Noch in der letzten Kampfminute gelangen ihm entscheidende Wertungen, die seinen 5:1-Erfolg sicherstellten. Mit zwei weiteren Mannschaftspunkten schickte Kartojev die Hausherren mit einer komfortablen 13:0-Führung in die Pause.

Auch nach der Unterbrechung setzte sich die Burghauser Erfolgsserie fort. Im griechisch-römischen Stil bis 86 kg wartete auf Idris Ibaev mit Arkadiusz Kulynycz einer der international renommiertesten Gegner des gesamten Kampfabends. Der Pole startete 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris und belegte dort in der 87-kg-Klasse den fünften Platz. Ibaev ließ sich von der Vita seines Gegenübers jedoch nicht beeindrucken. In einem hart umkämpften Vergleich, in dem Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage entschieden, sammelte der Burghauser in der ersten Runde die entscheidenden Punkte und brachte einen 4:2-Erfolg über die Zeit. Anschließend rückte Artur Tatarinov in den Mittelpunkt. Im Greco-Limit bis 75 kg traf der letztjährige Deutsche Meister auf Marco Stoll und knüpfte nahtlos an die starke Vorstellung seines Zwillingsbruders an. Tatarinov bestimmte das Geschehen und setzte seinen Gegner immer wieder mit erfolgreichen Aktionen unter Druck. Nach sechs Minuten stand ein beeindruckender 15:1-Punktsieg fest – in der Bodenlage drehte Tatarinov seinen Gegner mehrmals, wogegen sein Gegner keine Mittel fand. Dass das zu diesem Zeitpunkt bereits überaus deutliche Mannschaftsergebnis keineswegs bedeutete, dass Aue sportlich chancenlos war, zeigte der folgende Kampf besonders eindrucksvoll. Akhsarbek Gulaev traf im Freistil auf Vasile Diacon – und damit standen sich zwei international äußerst erfolgreiche Athleten gegenüber. Gulaev wurde 2021 Europameister der Männer in der 79 kg Klasse. Diacon wiederum gewann 2019 die Junioren-Europameisterschaft und Silber bei der Junioren-WM, holte 2022 Bronze bei der U23-Weltmeisterschaft sowie 2023 Bronze bei der Europameisterschaft der Männer. Entsprechend hart musste Gulaev für seinen Erfolg arbeiten. Der Wackerianer erwischte den besseren Start und erarbeitete sich zunächst einen Vorsprung, doch Diacon ließ sich nicht abschütteln und kämpfte sich zurück in die Begegnung. In der entscheidenden Phase behielt Gulaev die Nerven und brachte den knappen 5:3-Punktsieg über die Zeit. Gerade die internationale Erfolgsbilanz beider Athleten verdeutlichte, auf welchem Niveau dieses Duell geführt wurde. Burghausen lag damit mit 17:0 in Führung.

Im vorletzten Kampf des Abends musste der SVW schließlich den einzigen Einzelsieg der Gäste hinnehmen. Mit Doppel-Europameister David Baev und dem japanischen U20-Weltmeister Ryoya Yamashita standen sich zwei international hochdekorierte Freistiler gegenüber. Baev, der nach einem grippalen Infekt gesundheitlich angeschlagen war, stellte sich in den Dienst der Mannschaft und bot Yamashita einen Kampf auf Augenhöhe. Nach sechs hart umkämpften Minuten musste sich Baev denkbar knapp mit 3:4 geschlagen geben, nachdem bei ihm gegen Ende des Kampfs merklich die Kräfte schwanden. Für ihn war es die erste Niederlage überhaupt im Trikot des SV Wacker Burghausen. Gleichzeitig blieb es der einzige Einzelerfolg der Gäste an diesem Abend. Was anschließend folgte, entwickelte sich zum emotionalen Höhepunkt des Kampfabends. Im finalen Greco-Duell bis 80 kg schenkte Burghausens Cheftrainer Eugen Ponomartschuk dem 17-jährigen Nachwuchstalent Sultan Muhametov das Vertrauen. Gegen den amtierenden Deutschen Meister Witas Behrendt entwickelte sich von Beginn an ein von beiden Ringern hart geführtes Duell, in dem der Burghauser Nachwuchsathlet trotz des Drucks bemerkenswert abgeklärt agierte. Muhametov sicherte sich nach einem spektakulären Ausheber in der ersten Runde die entscheidenden Punkte und verteidigte seinen Vorsprung in der Schlussphase leidenschaftlich. Als nach sechs Minuten sein 4:1-Punktsieg feststand, gab es in der Sportparkhalle kein Halten mehr. Die rund 400 Zuschauer waren außer sich, die Halle bebte und Muhametov wurde von seinen Mannschaftskollegen und den Wacker-Fans frenetisch gefeiert. Gerade weil mit einem jungen Burghauser der Schlusspunkt unter diesen außergewöhnlichen Kampfabend gesetzt wurde, besaß dieser Moment eine besondere Bedeutung. Mit Muhametovs Sieg stand der 20:1-Endstand fest. Neun der zehn Einzelkämpfe gingen an den SV Wacker Burghausen – eine Bilanz, die nach der 11:17-Niederlage in Freiburg kaum deutlicher hätte ausfallen können. Vor allem die Auftritte der jungen Athleten machten deutlich, dass beim amtierenden Deutschen Mannschaftsmeister auch die nächste Generation zunehmend Verantwortung übernimmt – und an diesem Abend selbst gegen international hochdekorierte Konkurrenz keinerlei Berührungsängste zeigte.

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